Florian Grams, Renate Domroeß, Gerald Wagner, Renate Horning, Tim Lovis, Heike Oldenburg, Bettina Fenzel, Monika Thein und Jürgen Karbe vor dem Selbstbildnis des gehörlosen Malers Wolfgang Heimbach zur Ausstellung "Ungehört". Florian Grams in einem Ausstellungsraum vor dem Bild "Kücheninterieur"

Unter dem Motto „Inklusion ohne DGS und IFD“ besuchte die Behindertenselbsthilfe Bremen mit Aktiven aus dem Arbeitskreis Protest am 23. August die Ausstellung „Ungehört“ über Leben und Werk des gehörlosen Barockmalers Wolfgang Heimbach (ca. 1613 bis 1679) in Oldenburg. Initiatorin Heike Oldenburg sowie Florian Grams und Gerald Wagner führten mit ihren museumspädagogischen und historischen Kenntnissen unsere Gruppe durch die Welt des gehörlosen Malers aus Ovelgönne (Landkreis Wesermarsch). Es war für uns faszinierend und beeindruckend, wie Wolfgang Heimbach weit vor der Erfindung der Deutschen Gebärdensprache (DGS) oder des Integrationsfachdienstes (IFD) von und für seine Kunst leben konnte.

War das Zeichnen für den jungen Heimbach zunächst vor allem ein Mittel zur Verständigung, erkannte und förderte Graf Anton Günther von Oldenburg sein künstlerisches Talent, ermöglichte ihm eine vertiefte Ausbildung und Erfahrungen in den Niederlanden und schaffte Verbindungen für Aufträge in Bremen. Es folgten Jahrzehnte des Reisens, damals existenziell notwendig für die künstlerische Entwicklung und für die Suche nach Anstellungen und Aufträgen. Italien, Wien Böhmen, dann wieder seine Heimat Ovelgönne, Kopenhagen und Münster waren seine Stationen im Leben und und künstlerischen Schaffen. Auftrag- und Arbeitgeber waren unter anderem Papst Innozenz der X., die Medici, sein Landesherr Graf Anton Günther, König Frederik III.  von Dänemark und Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen von Münster. Seine Portrait- und Genremalerei gibt einen lebendigen Eindruck der Lebensverhältnisse in der damaligen Zeit.

Heike Oldenburg und Tim Lovis vor dem Bild "Mahlzeitstilleben mit Magd hinter einem Fenster". Jürgen Karbe ertastet - und ist selbst natürlich auch - Spitze am Potrait der Christina Graevaeus, das sonst im Bremer Focke-Museum zu bewundern ist. Sie trägt auf dem Bild ein Spitzenhäubchen.

Verblüffend sind die Detailtreue und Stilmittel der Werke Heimbachs, wie zum Beispiel die Darstellung einer punktförmigen Lichtquelle zum Herstellen des Hell-Dunkel-Effekts. Auch spielt die detailgetreue und authentische Darstellung von Stoffen bei Heimbach eine große Rolle, und so können Brokat, Samt, Seide, Leinen und Spitze an jenen Bildern, in denen diese Stoffe eine Rolle spielen, ertastet werden. Sehr gut für unsere Teilnehmenden war auch der barrierefreie Audio-Führer. Am Ende umtrieb uns alle die Frage, wie ein solcher Maler in Vergessenheit geraten konnte, ein großartiger gehörloser Künstler, der in den schweren Zeiten im und nach dem 30jährigen Krieg Barrieren und Hemmnisse überwand, ohne die modernen Nachteilsausgleiche und Hilfsmittel unserer heutigen Zeit.

Diese Exkursion war für uns eine Zeitreise, von der wir Teilnehmenden viele wunderbare neue und zum Teil sehr überraschende Eindrücke und Erkenntnisse mit nachhause nahmen – wir werden noch lange von diesem tollen Erlebnis Kraft schöpfen. Ein ganz großes Dankeschön gilt Heike Oldenburg für die Idee und für die Mitwirkung bei Vorbereitung und Durchführung dieser gelebten Inklusionsveranstaltung! An alle, die an solchen Erkundungen unseres geografischen und auch geistigen Sozial- und Lebensraumes interessiert sind geben wir an dieser Stelle die Aussicht darauf, dass die Planungsgruppe des AK Bremer Protest und die LAGS-Geschäftsstelle möglichst ziemlich regelmäßig weitere solche Exkursionen und Erlebnis-Aktionen organisieren werden. Wir rufen alle auf, uns gern auch eigene Ideen mitzuteilen, wir werden dann versuchen, diese umzusetzen.